Lehrreiche Waldbegehung mit Tim Bettgenhäuser

Die Waldinteressenten Niederölfen und Neitersen-Fladersbach hatten interessierte Bürgerinnen und Bürger am Sonntagnachmittag dem 23. August 2020 um 14 Uhr zu einer Waldbegehung eingeladen. Zusammen bewirtschaften diese beiden Interessentenschaften 120 ha Wald und damit den mit Abstand größten Teil des Waldes in der Gemeinde Neitersen.
Den meisten Einwohnern ist der Wald von Spaziergängen und sportlichen Aktivitäten ein lieb gewordener Freund. Man genießt es auf dem Dorf zu wohnen und in wenigen Schritten in der Natur zu sein. Seit Generationen wird der Wald schonend und nachhaltig von den örtlichen Eigentümern bewirtschaftet und einiges an Bauholz und Brennholz konnte in der Vergangenheit so direkt und auf natürlichem Wege gewonnen werden.
Dieses Bild gerät in den letzten Jahren in eine dramatische Schieflage und das war das Thema der gemeinsamen Waldbegehung. Anlass ist der katastrophale Zustand der stark leidenden Bäume. Nach dem dritten Dürrejahr in Folge leiden die Bäume unter Wassermangel und können sich nicht mehr ausreichend gegen die Schädlinge wehren. Diese haben leichtes Spiel mit den schwachen Bäumen.
Unter der fachlichen Begleitung von Tim Bettgenhäuser, der als Regionalförster der Landesforsten Rheinland-Pfalz beruflich das Revier "Kroppacher Schweiz" betreut und dort mit den gleichen Problemen zu tun hat, entstand eine sehr informative und fachlich gut verständliche Begehung. Da Tim auch selbst Miteigentümer in der Waldinteressentenschaft ist, konnte er die einzelnen Waldflächen auf der etwa 5 km langen Wanderung gut erläutern. Dabei wurde deutlich, wie gut sich teilweise Sturmflächen der Vergangenheit entwickelt haben, aber auch wo die Schäden sich in den nächsten Wochen unweigerlich ausbreiten werden.
Schnell wurde allen Teilnehmern bei genauem Hinsehen sofort klar: Der Wald ist stark geschädigt und es sieht nicht nach einer Besserung aus. Das Landschaftsbild mit dem vertrauten Anblick der starken hohen Bäume wird sich in den nächsten Monaten noch dramatisch verändern.
Am deutlichsten konnte dies an den Fichten gezeigt werden. Große Kahlflächen sind entstanden, weil das geschädigte Holz entfernt werden musste. Trotz der unermüdlichen Anstrengungen hat der Mensch dem sich millionenfach vermehrenden Borkenkäfer nichts Wirksames entgegenzusetzen. Diese nutzen die schwache Position der Fichten, welche durch den Wassermangel nicht mehr genügend Harz als Abwehrmittel bilden können, einfach aus und zerstören die Rinde welche als die "Haut" des Baumes zum Überleben wichtig ist. Den Teilnehmern wurden auch einige lebende Borkenkäfer gezeigt, die sich gerade in die Bäume gebohrt hatten.
Die Fichte ist in unserer Gemeinde verloren. Es geht nur noch darum, ob und wenn ja wie die toten Stämme beseitigt werden. An einen Gewinn aus Holzverkauf ist nicht mehr zu denken, die Bäume sind wertlos geworden, weil durch das flächendeckende Sterben viel mehr Holz anfällt als tatsächlich gebraucht wird.
Aber auch die anderen Bäume leiden: Nach 3 Jahren ohne genügend Regen ist der Waldboden so weit ausgetrocknet, dass auch viele Laubbäume nicht mehr genügend Wasser bekommen. Buchen trockenen von oben nach unten und werfen Blätter und Äste ab. Eichen werfen in der Not viel zu früh ihre Eicheln, ab obwohl diese noch klein und ganz grün sind.

"Eine 150-jährige Buche zum Beispiel hat etwa 800.000 Blätter. Mit denen nimmt sie pro Tag bis zu 24 Kilogramm CO2 auf, so viel wie ein Kleinwagen im Durchschnitt auf 150 Kilometer in die Luft pustet. Außerdem filtert sie Schadstoffe aus der Luft: Bakterien, Pilzsporen und Staub. Sie produziert täglich rund 11.000 Liter Sauerstoff, das entspricht in etwa dem Tagesbedarf von 26 Menschen. Über ihre Blätter verdunstet sie täglich bis zu 500 Liter Wasser – das ist der Inhalt von etwa vier Badewannen. (https://www.daserste.de/information/wissen-kultur/w-wie-wissen/baum-138.html)"

Wie wichtig eine angemessene Bejagung von Rehwild in diesem Zusammenhang ist, konnte an einigen verbissenen Buchenplanzungen dargestellt werden. Wenn kleine Eichen und Buchen auf den großen Kahlflächen eine Überlebenschance haben sollen, dann muss der Rehwildbestand so weit reduziert werden, dass eine natürliche Wiederbewaldung der Kahlflächen des Waldes aus eigener Kraft möglich ist. Künstliche Schutzmaßnahmen würden in dem Maß in dem diese benötigt würden Wald und somit die Landschaft klar dominieren und prägen.
Noch ist unklar wie es weitergeht. Eine Aufforstung durch Setzen von Baumpflanzen ist nicht durchführbar. Die Kosten inklusive der benötigten Pflege liegen bei etwa 25.000 € je Hektar. Damit wird deutlich, daß die zahlreichen durch den Klimawandel entstandenen Freiflächen aufgrund dieser benötigten enormen finanziellen Mittel, vom jeweiligen Waldbesitzer oder der Interessentenschaft nicht künstlich bepflanzt werden können. Neue Wege sind gefragt, niemand kann mit Gewissheit sagen wie der Wald der Zukunft aussieht.
Zum Ende der Waldbegehung hatten die Waldinteressenten zu einer kleinen Erfrischung eingeladen. Dabei wurden auch sehr nachdenkliche Gespräche geführt. Jeder hatte eindrücklich gesehen und vor Ort erlebt, dass der Klimawandel auch in Neitersen angekommen ist.
Und bei dieser Erkenntnis konnte man sich plötzlich sogar über einen leider viel zu kleinen Regenschauer freuen, der zum Schluss der Waldbegehung die fast 30 sehr interessierten Teilnehmer überraschte. Für den Wald bedeutet Regen schönes Wetter!
Text: F.Bettgenhäuser
Fotos: U.Schmidt